Wie man es auch nennt - die Hauptsache ist, wir sehen uns und können plaudern...
Im Jahre 723 kam Bonifatius hierher - vor 1.300 Jahren...
Zur hochkarätigen Sammlung des Fritzlarer Domschatzes gehört
ein Prachtschrank des frühen 15. Jahrhunderts, dessen Außenflächen vollständig
mit verschiedenen, vorwiegend sakralen Motiven bemalt sind. Das bemerkenswerte
Möbel gehört zum verschwindend geringen Bestand bemalter Schränke, die sich aus
der Entstehungszeit erhalten haben. Auch die Konstruktion stellt in mancher
Hinsicht eine absolute Besonderheit dar, für die sich keine direkten
Vergleichsbeispiele finden lassen.
Da die Konstruktion besorgniserregend beschädigt war und zahlreiche Schäden auch die Malerei bedrohten, ging das gute Stück im Juli 2023 auf Reisen, um im Atelier des hessischen Landesdenkmalamtes in Wiesbaden konserviert und restauriert zu werden. Der Abtransport aus Fritzlar durch die kleine Tür des Musikzimmers, das seit Jahrzehnten den Schrank beherbergt hatte, und durch enge Gänge des historischen Stiftsgebäudes gestaltete sich einigermaßen schwierig. Expertinnen der Möbelrestaurierung mussten sorgfältige Vorbereitungen treffen und die beauftragte Kunstspedition schickte schließlich ihre besten Leute, um dem Transport kreativ zu einem guten Abschluss zu verhelfen. Doch zunächst ging die Fahrt nur bis Fulda, wo der Schrank über lange Wochen einer gründlichen Bekämpfung gefährlicher Holzschädlinge unterzogen werden musste. Anschließend gelangte er schließlich in die Wiesbadener Werkstatt, wo seitdem umfangreiche Untersuchungen und Konservierungsmaßnahmen durchgeführt werden.
Initiiert von Stadtpfarrer Prähler unternahm nun die
Katholische Domgemeinde Ende März eine Erkundungsfahrt ins Südhessische, um
sich den Fortgang der Arbeiten im LfDH anzuschauen und erläutern zu lassen.
Dort werden - nach einer Festigung beschädigter Holzpartien
und gelockerter Mal- und Grundierschichten - zur Zeit Reinigungsmaßnahmen
durchgeführt. Denn die düster wirkenden Schrankflächen sind nicht nur durch den
unvermeidlichen Zahn der Zeit verschmutzt, sondern zusätzlich durch
Rußablagerungen schwarz verändert und an mancher Stelle kaum mehr erkennbar.
Ein Brandloch in der Rückwand des Schrankes gibt Hinweise auf einen Schwelbrand
in der Vergangenheit, der diese Veränderungen wahrscheinlich bedingte. Doch
auch das allmähliche Nachdunkeln mancher Malfarben spielte in diesem Prozess
eine Rolle. Deshalb wird eine vollständige Rückführung der Veränderungen nicht
möglich sein, doch die Restauratorinnen des LfDH sind zuversichtlich, die
Lesbarkeit der schönen – und teilweise rätselhaften – Darstellungen auf dem
Schrank entscheidend verbessern zu können. Eine Herausforderung stellen auf
diesem Wege die bemalten Seitenflächen des Schrankes dar, die in maltechnischer
Hinsicht von den Frontflächen abweichen und nicht mit denselben Mitteln zu
reinigen sind. Besonderheiten im Farbaufbau erlauben hier allerdings den Einsatz
spezieller Lasergeräte, mit denen eine Reduzierung der erwähnten Rußschichten
beschädigungsfrei möglich ist.
Ausführliche Untersuchungen waren der Restaurierung
vorgeschaltet, um die verwendeten Materialien genau zu erkunden, alle
Nutzungsspuren auszuwerten und nachträgliche Veränderungen und Hinzufügungen
vom ursprünglichen Bestand unterscheiden zu können. Dabei stellte sich heraus,
dass Ober- und Unterteil des zweigeschossigen Fritzlarer Schrankes einst
konstruktiv untrennbar miteinander verbunden waren. Vor längerer Zeit müssen
beide Teile mit der Säge auseinandergenommen worden sein, wohl um die niedrige Tür
des Musikzimmers passieren zu können. Auch hatte man den Schrank in der Höhe
reduziert und den originalen Aufsatz entfernt. Heute ragen die Zapfen der
Seitenwände leer in die Luft, schlecht versteckt durch eine nachträglich
angebrachte Zierleiste. Alle Spuren weisen darauf hin, dass der Schrank nicht
für das Musikzimmer, sondern für einen anderen Kontext gedacht war. Mit dieser
Erkenntnis begann die Suche nach der ursprünglichen Funktion und der einstigen
Verwendung des Schrankes.
Überlegungen zu diesen Fragen sollen im Herbst 2025 einem Fachpublikum vorgestellt und dort im Kollegenkreis diskutiert und überprüft werden. Geplant ist eine Tagung zu „Bemalte(n) Schränke(n) des Mittelalters aus sakralen Kontexten“, die in Frankfurt und Wiesbaden stattfinden wird.
© St. Peter, Fritzlar